der augenblick

Ich nehme dich mit auf meinen Ausflug heute morgen. Den konkreten und den geistigen. Als ich aufgewacht bin hatte ich Lust, mich zu bewegen . . . den Wald mit seiner frischen Luft zu spüren, nach dem gestrigen Sturm und Regen.

Bevor ich loslaufe nehme eine halbe Stunde zuvor zwei caps push, ein Pack Antiox und ein halbes Pack Energy, trinke dazu ein Glas Wasser mit einem halben Teelöffel Chi. Ich nehme es deshalb, weil ich es mich sonst frustriert, wenn ich Lust auf Bewegung habe und mein Körper nicht soviel hergibt, wie ich es gerne hätte. Hat wohl etwas mit dem Alter zu tun und ganz klar auch mit Training und Veranlagung.

Die Veranlagung ist gut, ich habe in meiner Jugend Leistungssport gemacht. Training eher mittelmäßig, weil ich meistens alles andere wichtiger finde, als mich regelmäßig zu Sport zu verpflichten. Das habe ich irgendwann vor einigen Jahren bewusst abgewählt. Und mich seither damit nicht gequält.

Als ich loslaufe, bewusst langsam in der Aufwärmphase, spüre ich diese Bereitschaft meines Körpers die Bewegung und Anstrengung voll auszuleben. Ich lasse meine Musik noch aus, um die friedliche Stille am Morgen zu hören. Es sind die Vögel, die mit ihren spärlichen Rufen diese Stille ab und zu durchbrechen. Im August und am späten Morgen gibt es kein intensives Vogelgezwitscher mehr, wie im Frühling morgens ab der ersten Dämmerung.

Nach den ersten fast zwei Kilometern muss ich über umgefallene Bäume klettern. Ein Stückchen weiter fällt mir auf, dass ich spontan über meine Strecke entscheide. Und da wären sie wieder, die Parallelen im Geschehen, Denken und Empfinden. Ich weis nur, dass ich heute lange laufen möchte, also folge ich dieser Ausrichtung. Die inzwischen eingeschaltete Musik gibt mir einen guten Rhythmus vor und trägt meine Gedanken. Selbst mein „Mindset“ habe ich in die Jogging-Playlist eingebaut. (Menschen, die in mein Team kommen, bekommen eine genaue Anleitung, wie ein Mindset erstellt wird).

In der modernen Coaching-Szene ist es üblich den Menschen ein Ziel visualisieren zu lassen und dann ganz konzentriert und fokussiert auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Ich allerdings gehöre zu den Menschen, die eine Ausrichtung haben und den Weg dahin genießen. Es mag für viele sprunghaft aussehen, aber ich weiß, wohin ich gehe und dass ich dort auch ankommen werde. Und ich übe bei jeder Gelegenheit – es ist schon eher eine Gewohnheit ohne Anstrengung – unterwegs bewusst zu sein und mit dem Augenblick zu verschmelzen. Ist der Körper eingebunden, gelingt es noch besser.

Da schweifen meine Gedanken zu meinen tantrischen Erfahrungen und Überlegungen. Manche Menschen machen Sex mit dem Ziel auf den Orgasmus. Vergessen aber dabei den Weg dahin bewusst zu genießen. Symbolisch gesehen: Der Höhepunkt heißt doch wohl deshalb Höhepunkt, weil er einen Weg vom banalen Dorf im Tal zu einem Gipfel, auf dem sich ein Empfinden von ganz bei sich und doch ganz verschmolzen einstellt. Eben wie beim Bergsteigen. Wäre der Genuss am Gipfelkreuz angekommen zu sein genauso intensiv, wenn man „plötzlich“ da wäre? Also mit Hubschrauber oder so? Wohl kaum. Der Weg ist doch das interessante. Viele Menschen machen Sex mehr mit gieriger Lust als mit liebevoller Hingabe.

So ähnlich sehe ich es mit dem Tod. Viele Menschen hasten auf ihn zu in der Gewissheit, dass es ihn gibt. Und ich vermute eine Mischung aus Angst und Verdrängung, mit dem sie sie auf diese Weise dem Tod entgegenlaufen und versäumen, die Augenblicke des Lebens auszukosten. Ja, das Leben ist kostbar und wir sterben alle, zumindest körperlich, irgendwann. Soviel steht fest. Also könnte man sich einfach dem Moment hingeben!?

Nur wenige möchten diesem Übergang in die Augen sehen und sich damit auseinandersetzen. Viele verurteilen das Töten. Ich meine damit nicht Morden und Abschlachten. Gibt es überhaupt eine „Ethik des Tötens“? Es ist für mich so präsent, weil ich gestern erst ein halbes Rotkalb in den Tiefkühler gelegt habe. Und es steht irgendwann an, dass eines meiner Hühner getötet werden muss. Ich denke, dass der große Unterschied, wie so oft, in der Haltung und im Gefühl liegt. Menschen töten leicht aus Wut oder Angst. Kann er aber auch aus vertrauensvoller Hingabe an das Leben ein anderes Leben beenden?

In der Zwischenzeit fällt mir auf, dass ich den vierten Kilometer unter sechs Minuten gelaufen bin und die Luft ist so zauberhaft frisch, dass es mich nicht wundert, dass sich das „Waldbaden“ als Therapieform etabliert. Ich habe das Gefühl die Lebensenergie selbst einzuatmen. den sechsten Kilometer schaffe ich in fünf Minuten – ich liebe diese moderne Technik, die mir sagt, wie viel ich in welcher Zeit laufe.

Und ich habe Lust noch weiter zu laufen. Die Gedanken an Eros und Thanatos, die stärksten Treibe des Menschen laut S.Freud, verblassen langsam. Nach dem neunten Kilometer gehe ich, mit weichen Knien und einem unbeschreiblich guten Gefühl, den Rest zu Fuß.

Ich bin lang gelaufen.

Herzlichst,

Pythorea

Ein Feedback für “der augenblick

  • 26. August 2017 at 12:50
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    Liebe Pythorea,
    Ich war heute auch laufen und bin immer wieder beeindruckt,was mir dabei alles ins Bewusstsein kommt…was für ein Geschenk,dass wir uns bewegen können-auf unterschiedlichsten Ebenen…und ja,Richtungswechsel auch hier immer erwünscht😘Danke dir

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