liesl und lotte – der ausflug

Zugegeben: für einen nicht einmal Einhundert Quadratmeter großen Garten sind 10 Hühner schon viel. Das Grün ist abgefressen. Überall verstreut Hühnerkacke, wo Kies ist sind auch Mulden, die für Sandbäder genutzt werden und ich bin auf meiner Terrasse eingezäunt, da ich diese als kackfreie Zone deklariert habe.

Nachdem das elfte Huhn – nämlich der Hahn D’Artagnan – schon von dieser Inkarnation befreit wurde (diese Geschichte habe ich noch nicht zu Papier gebracht, da sie mir zu peinlich ist), habe ich beschlossen, dass die zwei Hybrid-Hennen auch bei einem Bekannten meiner Freundin gut leben könnten. Ein älterer Herr, ich werde ihn hier „Huber“ nennen, der ein Leben lang verschiedene Tiere hielt und jetzt immer, tagein, tagaus, an der Zufahrt zu seinem verwilderten Grundstück sitzt – angelehnt an seine Gehhilfe – und seine zwei noch verbliebenen Hennen füttert. Und all die anderen Wildvögel, die sich dazu gesellen wollen.

Die Freundin, die sich ein wenig um diesen Mann kümmert und täglich da draußen ist, versprach mir, dass es den Hennen gut gehen würde. Sie könnten den ganzen Tag einen großen wilden Garten nutzen und wären abends in einem Kaninchenstall gesichert. Ich dachte an einen dieser Ställe, die „Kleintierstall“ genannt werden und für Hühner genauso geeignet sind wie für Hasen. Aber es kam anders . . .

Ich muss ein wenig zu den Charakteren der zwei Hennen Liesl und Lotte erzählen.

Königsberger
Liesl auf der Schulter

Die Liesl ist eine braun-silberne Königsberger Hybrid-Henne. Sehr zutraulich, neugierig, frech und freiheitsliebend. Wenn sie mal länger in der Voliere eingesperrt ist, hört man deutlich ihr gackerndes Wehklagen. Sie scheint vor nichts Angst zu haben, weder vor Menschen noch vor Hunden. Sie schaut sich alles Neue gerne genau an und legt zuverlässig täglich ein braunes Ei.

Die fuchsbraune Lotte ist eine „Italienerin“, auch eine Hybrid-Henne, bei der ich das Gefühl habe, dass sie „nur schön“ ist. Und unberührbar, vom Hahn genauso wie vom Menschen. Mit dem Eierlegen hat sie es gar nicht, obwohl Hybrid-Hennen für ihr Turbo-Legeverhalten bekannt sind, da so gezüchtet.

Sobald sie festgestellt hatte, dass sie die größte der Hennen ist begann sie sich in der Rangfolge nach oben zu picken, stellenweise auch richtig gemein gegenüber den heranwachsenden Junghennen. Also ein wenig Pandora im Garten (die aus der griechischen Mythologie, künstlich geschaffen, schön und böse).

Abgepickte Halsfedern bei der weißen Bresse Resi und dauernde Panik unter den Junghühnern, sobald die Lotte in die Nähe kommt. Das ist der Hauptgrund, warum ich sie abgeben will. Da ich aber doch bestrebt bin, es ihr gut gehen zu lassen, möchte ich nicht, dass sie ganz allein zu zwei fremden Hennen kommt. Also habe ich die Liesl als mutige Begleitung angedacht. Und wir hätten dann nur noch acht Hennen, was dem Garten bestimmt gut tun würde.

Am Samstag Abend hole ich also die Liesl und die Lotte von der Stange in der Voliere, da man Hühner im Dunkeln, wenn sie mehr oder weniger nichts mehr sehen und bewegungslos sind, gut packen kann ohne sie großartig jagen zu müssen. In Pappkartons gesetzt fahre ich drei Dörfer weiter, um sie in ihr neues Heim zu bringen. Unterwegs hole ich noch die Freundin ab, damit sie mir den Weg weisen kann.

Mit Taschenlampen ausgerüstet schauen wir uns im Dunkeln den wilden Garten an und ich frage mich, wo denn meine Freundin den ganzen Tag Rasen gemäht hat, wie behauptet? Da sind viele Blätter, Büsche, Gestrüpp, eine Plastik-Wanne mit eingeweichten Brotresten, umgefallene Gartenutensilien und ein Tümpel. In der Dunkelheit macht es so seinen eigenen skurrilen Eindruck.

Als ich dann die Hasenställchen sehe, ist mir gar nicht so wohl. Aber ich denke mir: jetzt haben wir es vereinbart, das wird schon!

Ich gebe meiner Freundin noch den Tipp, eine Sitzstange einzubauen, da es keine Seidenhühner sind, die am Boden hockend im Stroh schlafen.

So, und dann kam die Nacht. Mein Mann und ich konnten nicht schlafen, da wir Sorge hatten, dass es den Zweien vielleicht nicht gut geht.

Und ehrlich gesagt habe ich am nächsten Morgen auch das Gegacker von der Liesl vermisst. Ich rufe bei meiner Freundin um halb zehn an um zu erfahren, wie es denn so geht. In aller Gelassenheit sagt sie mir, dass sie noch ihr Kind wegbringt und dann zum Grundstück raus fährt, um die Hennen raus zu lassen.

WAS?? Um halb zehn die Hennen noch im kleinen Hasenstall? Das geht ja gar nicht. Und als mein Mann das hört, ist es beschlossen: Die holen wir wieder.

Also fahre ich los und bin keine 20 Minuten später auf dem Grundstück. Ich will mir zuerst die Lotte packen, da sie sich ja nicht so gerne greifen lässt. Und es kommt wie es kommen muss: sie entwischt mir und verschwindet. Und eine Henne auf freiem Feld ohne Zaun- oder Mauerecken oder ohne Fangnetz zu erwischen ist nicht so einfach. Also nehme ich die Liesl mit und beschließe, die Lotte später bei Dunkelheit zu holen, wenn sie nicht mehr so aktiv sein kann.

Henne
letztes Bild von Lotte

Hühner mögen keine Veränderung und brauchen eine Weile, um sie anzunehmen. Also denkt die Lotte gar nicht daran, in diesen Hasenstall zu gehen, als es dunkel ist. Die Freundin ruft an und sagt, dass sie auf dem Baum daneben neben dem Hasenstall ihr Nachtlager eingenommen hat. Und als sie die Henne vom Baum holen will, ist diese – typisch Lotte – in Panik auf und davon. Die Freundin, ihr Sohn, der Nachbar des Grundstücks und der Fahrer vom Huber, alle machen sich zur nächtlichen Hennensuche nützlich und auch mein Mann und ich treffen kurz darauf ein um durch das Unterholz zu leuchten und nach Lotte Ausschau zu halten.

Vorne sitzt der Huber an seinem Gehwägelchen und macht seinem Unmut Luft. Wie es einem einfallen kann im Herbst neue Hennen zu holen. Und dass er zu alt ist, um sich gut darum zu kümmern, und . . .und . . und . .

Eine Stunde später brechen wir die Suche erfolglos ab. Wir überlassen der Natur ihren Lauf. Lotte ist nie wieder aufgetaucht.

Ehrlich gesagt trauere ich ihr nicht nach. Und die Halsfedern von Resi sind inzwischen auch nachgewachsen.

Bis zur nächsten #GeschichteausHagenheim

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.